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Die Symptomengrade im amokoor

Clemens von Bönninghausen verfasste ein Wertesystem für die den jeweiligen Arzneien zugeordneten Prüfungssymptome, indem er diese durch verschiedene Schriftarten kennzeichnete. Er selbst spricht in seinem Repertorium (1832) und in seinem Therapeutischen Taschenbuch (1845) von 5 Rangordnungen. Das Kent‘sche Repertorium verwendet 3 Rangordnungen (in anderer Bedeutung).

Zunächst verwendete Bönninghausen eine einfache (Antiqua-) Schrift, mit Klammern für „zweifelhafte“ (1. Rang), nur vereinzelt erschienene Prüfungssymptome, und ohne Klammern für „nicht-zweifelhafte“ (2. Rang). Letztere wären somit solche, die eindeutig der Arznei zuzuordnen sind. Dann verwendete er für die „ausgezeichneten“ Symptome (3. Rang) eine    g e s p e r r t e (Antiqua-) Schrift, was bedeutet, dass diese „wiederholt als Erstwirkung“ bei der Arzneimittelprüfung vorgekommen waren.

Bei den „nicht-zweifelhaften“ (2. Rang) und „ausgezeichneten“ (3. Rang) Prüfungssymptomen ging es somit um deren Häufigkeit ihres Erscheinens bei der Prüfung. Da aber die Häufigkeit massgeblich vom Prüfungskollektiv mit seiner bescheidenen Anzahl abhängt, ist diese Unterscheidung statistisch fragwürdig. Deshalb kennzeichnete er Symptome aus diesen beiden Gruppen mit der Kursivschrift dann, wenn sie durch „unzweifelbar dem Mittel zuzuschreibende Heilung“ (4. Rang) ihre Bestätigung erhielten. Die g e s p e r r t e Kursivschrift erhielt ihre Anwendung, wenn „bei wiederholter und öfterer Anwendung jedesmal (!)“ Heilung erfolgte (5. Rang).

Charakteristische Prüfungssymptome, die mit dem 5. Rang bezeichnet wurden, sind die wertvollsten, wobei Prüfungssymptome im 4. Rang nicht minder wertvoll sind, doch sind sie wiederum nur die Bestätigung des 3. Ranges. Bei der Durcharbeitung des Therapeutischen Taschenbuches von Bönninghausen findet man auf rund 100‘000 Symptome (bei 150 Arzneien, die den 2‘500 Zeichen und Modalitäten zugeordnet sind) nur rund 100 Symptome im 1. Rang, also 0.1 %. Der 1. Rang ist statistisch und für die Anwendung am Patienten unbrauchbar, so dass einige Homöopathen mit Recht nur von 4 Rangordnungen bei Bönninghausen sprechen.

Wenn aber der 4. Rang nur gerade die Bestätigung des 3. Ranges ist, so müsste man eigentlich von 3 Rangordnungen Bönninghausens oder von 3 Graden 1 bis 3 sprechen (klinisch nicht bestätigt, bestätigt, mehrfach bestätigt). Dabei schliesst der 3. Grad (5. Rang) und der 2. Grad (4. Rang) auch den „leisesten Zweifel“ aus, während es gilt den 1. Grad (2. und 3. Rang) „einer späteren wiederholten Entscheidung (bezüglich Menge und Bewertung) zu überlassen“.

[1]Letzteres hat Bönninghausen in seinem „homöopathischen Hausarzt“ (1853), in seiner „Behandlung des Keuchhustens“ (1860) und zahlreichen andern Hinweisen durch die Charakterisierung der Symptome reichlich nachgeholt. Daraus kann geschlossen werden, dass die 5 Ränge des Taschenbuches für Bönninghausen nur ein Provisorium, bzw. ein zeitliches Arbeitsinstrument darstellten.

Die Herabsetzung von 5 Rängen auf 3 Grade macht auch bei der mathematischen Ausmittelung der Arzneien durchaus Sinn, gaukeln doch 5, aber auch 4 Ränge eine mathematische Sicherheit vor, die im System gar nicht vorhanden sein kann. Welche Bedeutung haben nun jene Symptome, die im 1. Grad (2. oder 3. Rang) verbleiben? Gerade in ihrem seltenen Vorkommen liegt ihre Bedeutung, da „die seltenen (!), … sonderheitlichen Symptome (@ §153 Organon)... vor den gewöhnlichen eine grössere Bedeutung verdienen, weil von ihnen hauptsächlich… die Ähnlichkeit abhängt“[2]. Ausserdem finden sich im 1. Grad auch jene „Symptome“, welche nach Constantin Hering nur als „Anzeigen“ bei der Mittelwahl dienen.

Drei Grade sind gerade noch die unterste Stufe für eine differenzierende mathematische Erfassung von Symptomen, vor allem, wenn auch die negativen Bereiche, also die „Gegensymptome“ (der bipolaren Symptome) mitberücksichtigt werden müssen. Indem man das Dreiersystem zu einem Sechsersystem verschiebt, lassen sich die Minusgrade (-1, -2, -3) elegant einfügen, was zu einer wesentlichen Verfeinerung der Ausmittelung führen kann. Dass sich mit einer Skala von null bis sechs als Teil des Duodezimalsystems umgänglicher als mit einem Dezimalsystem rechnen lässt, geht auf die Babylonier zurück. Die Zweiteilung der Skala, somit bei 3, bedeutet eine Wahrscheinlichkeit von 50%, konkret entspräche dies einem reinen Zufallsergebnis und 40% oder darunter schliesst die entsprechenden Arzneien aus.

Die Analyse der Symptomengrade relativiert deren Bedeutung bei der alleinigen Addition bei der Ausmittelung einer Arznei, wodurch die bipolaren Symptome, auf einer Skala von +3 bis -3, bzw. >50% und <50% an Bedeutung gewinnen (siehe Polaritätsberechnung).


[1] Bönninghausen Clemens, Repertorium der Homöopathischen Arzneien, Münster 1833/35

[2] Gypser Klaus-Henning: Bönninghausens Kleine medizinische Schriften, 1984 Arkana Heidelberg, ISBN 3-920042-13-1 (Seite 627)

 

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